Adresse des Gedenkortes
Kath. Kinder- und Jugendhaus
Tiergartenstraße 28
17235Neustrelitz
Bundesrepublik Deutschland
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Neustrelitz, Tiergartenstraße


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Einweihung

11.06.2012


Inschrift

"Aus der Gemeinschaft dieses Heimes wurden am 08.03.1943 5 Sinti-Kinder herausgerissen und in das KZ-Auschwitz deportiert. Alle fielen dem Völkermord zum Opfer.

Fritz Wagner 4 Jahre alt
Paul Wagner 7 Jahre alt
Max Groß 9 Jahre alt
Franz Rose 13 Jahre alt
Alex Rose 10 Jahre alt

Vergesst sie nicht."


Initiator(en)

Neustrelitzer Bürgerinitiative


Beschreibung

Eine Tafel zeigt ein historisches Foto mit vier der insgesamt fünf deportierten Kinder. Es stammt vom damaligen katholischen Kaplan Heinrich Kottmann.


Hintergrund

Nach intensiven Recherchen ist es gelungen, die Namen der Kinder und ihr weiteres Schicksal zu ermitteln. Auf dem oben stehenden Foto, aufgenommen im Sommer 1942, sieht man von links: Franz Rose (nach anderen Quellen Ferdinand Rose), Fritz Wagner, Paul Wagner und Alex Rose. Es handelt sich jeweils um Geschwister. Wie inzwischen bekannt, wurden die vier Kinder und die meisten ihrer Familienangehörigen in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Auch die Vorgeschichte konnte durch zusätzliche Quellen rekonstruiert werden. Am 4. Mai 1941 kam es an drei Orten im Kreis Waren (Mecklenburg), in denen Sinti-Familien lebten und auf Gütern arbeiteten, auf Betreiben des NSDAP-Kreisleiters zur Festnahme der arbeitsfähigen Männer und Frauen; lediglich Mütter mit kleinen Kindern, Kranke und Alte wurden zurückgelassen. Dagegen waren auch die Jugendlichen ab dem Jahrgang 1928 von der Aktion betroffen. Die Verhaftungsopfer kamen laut Bericht eines beteiligten Täters in die „Landesanstalt in Neustrelitz-Strelitz“.

Sieben Wochen später, am 23. Juni 1941, wurden zehn der zurückgebliebenen Kinder aus dem Kreis Waren abgeholt. Fünf kleinere Kinder (vier Mädchen und ein Junge), die zwischen zwei Jahren und vier Monaten alt waren, kamen in das katholische Säuglingsheim Neubrandenburg, die fünf älteren Kinder in das katholische Kinderheim Neustrelitz. Bei letzteren handelte es sich um die vier Jungen auf dem Foto – sie waren beim Eintreffen im Heim zwischen drei und elf Jahren alt – und um den siebenjährigen Max Groß, der schon vier Wochen später in ein anderes Heim verlegt wurde. Auch Max Groß und zwei seiner Geschwister fielen später in Auschwitz dem Völkermord zum Opfer.

Am 8. März 1943 wurden die im Kreis Waren zurückgebliebenen Sinti mit zwei Lastwagen, deren Ladeflächen mit Stroh bedeckt waren, abgeholt. Auf dem Rückweg wurden die vier Jungen in Neustrelitz aufgesammelt; dabei machte Kaplan Kottmann die drei Aufnahmen. Man brachte die Menschen zunächst in die „Landesanstalt“ nach Strelitz. Dort waren die Familien, die man knapp zwei Jahre zuvor auseinandergerissen hatte, wieder vereinigt: um sie gemeinsam nach Auschwitz-Birkenau zu deportieren. Am 15. März 1943 traf der Deportationszug im Vernichtungslager ein. Für die Sinti-Kinder aus Neustrelitz wie für die meisten anderen verschleppten Menschen solle es die letzte Station ihres Leidensweges sein.


Linkhinweise



Literatur

Reuter, Frank: Die Deportation von Sinti-Kindern aus dem katholischen Kinderheim Neustrelitz: Fotografische Überlieferungen und historischer Kontext. In: Beiträge zur nationalsozialistischen Verfolgung in Norddeutschland, Heft 14: Die Verfolgung der Sinti und Roma im Nationalsozialismus. Bremen 2012 (Edition Temmen), S. 167-184.