Adresse des Gedenkortes
Joods Museum van Deportatie en Verzet
Goswin de Stassartstraat 153
2800 Mechelen
Belgien
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Mechelen, Goswin de Stassartstraat

Eine Gedenktafel an der ehemaligen Dossinkaserne erinnert an 351 Sinti und Roma, die von dem Sammellager Mechelen/Malines aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurden.

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Eingangsportal der ehemaligen Dossin-Kaserne (Quelle: Andreas Pflock)

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Gedenktafel für Sinti und Roma (Quelle: Andreas Pflock)

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Innenhof der ehemaligen Dossin-Kaserne (Quelle: Andreas Pflock)

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Aufstellung der Deportationen in der Ausstellung (Quelle: Andreas Pflock)

Einweihung

03.06.1995


Inschrift

"SLACHTHOFFERS VAN VOOROORDELEN EN DISCRIMINATIE
ROMS, MANOESJEN, WOONWAGENBEWONERS

VICTIMES DES PREJUGES ET DE LA DISCIRMINATION
ROMS, MANOUCHES, GENS DU VOYAGE

3 JUNI/JUIN 1995"


Beschreibung

Die Gedenktafel hängt an der ehemaligen Kaserne in Mechelen, wo sie an die belgischen Sinti und Roma erinnert, die am 15. Januar 1944 von dem Sammellager aus deportiert wurden. Lediglich 13 der 351 Menschen überlebten.

In dem Gebäude, an dem die Tafel hängt, befindet sich seit Mai 1995 das "Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum", welches am authentischen Ort die Geschichte des Völkermords an den belgischen Juden sowie Sinti und Roma dokumentiert.


Entstehung

Nach dem Kriegsende diente der Kasernenkomplex zunächst als Internierungslager für Kollaborateure. Später wurden die Gebäude bis zum Jahr 1973 als Ausbildungszentrum der belgischen Armee genutzt und die Bahngleise entfernt. Trotz jährlicher Gedenkfeiern gab es zunächst keine Absichten, einen Teil der Kaserne als Gedenkstätte einzurichten. Jedoch wurden neben dem Eingang zum früheren Kasernenhof mehrere Gedenktafeln angebracht. Sechs Fragmente des ehemaligen Bahngleises symbolisieren dort heute die sechs Millionen jüdischen Opfer des Holocaust. Eine am 3. Juni 1995 eingeweihte Tafel erinnert an die von hier aus deportierten Sinti und Roma.

Erst als die Stadt Mechelen Anfang der 1970er Jahre den Abriss des Gebäudes erwägte, regte sich ein öffentlicher Protest, und das historische Eingangsportal wurde unter Denkmalschutz gestellt. Im Jahr 1982 erwarb die Stadt die frühere Kaserne und beschloss zwei Jahre später, dort moderne Apartmenteinheiten einzurichten. In einem eher düsteren Flügel der Anlage wurde das Stadtarchiv untergebracht. 1989 bezogen die ersten Bewohner den in "Hof von Habsburg" umbenannten Komplex. Eines der Apartments blieb im Rohbauzustand für die spätere Einrichtung eines Museums oder Gedenkorts vorgesehen. Während in den 1990er Jahren die Idee zur Einrichtung eines Museums über die Deportationen mehr und mehr heranwuchs, sorgten sich die von diesen Planungen überraschten neuen Bewohner um ihre Sicherheit, da sie antisemitische Anschläge befürchteten.

Am 20. September 1992 wurde schließlich auf Initiative der Vereinigung der jüdischen Deportierten von Belgien und des Jüdischen Zentralrats Belgiens mit Unterstützung durch die Regierung, die Flämische Gemeinschaft, die Provinz Antwerpen und die Stadt Mechelen der Grundstein für die Errichtung eines Museums in einem Flügel der früheren Dossinkaserne gelegt. Zum 50. Jahrestag der Befreiung am 7. Mai 1995 wurde das "Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum" durch König Albert II. eingeweiht. Es dokumentiert die Geschichte des Völkermords an den belgischen Juden sowie Sinti und Roma, die Zusammenarbeit belgischer Behörden bei der Organisation der Deportationen, das Entkommen zahlreicher jüdischer Kinder durch das solidarische Verhalten vieler Belgier und den jüdischen Widerstand. Dem Museum angeschlossen sind eine Bibliothek und ein Archiv, die nach vorheriger Absprache benutzt werden können.


Hintergrund

Im Jahr 1756 wurde in Mechelen/Malines, zwischen Brüssel und Antwerpen, die General-Dossin-de-Saint-Georges-Kaserne als österreichische Infanteriekaserne eingeweiht. Von 1942 bis 1944 diente sie als zentrales Durchgangslager bei der Deportation der belgischen Juden und Sinti und Roma in die nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager.

Die Kaserne lag in einem Wohngebiet und bestand aus einem quadratischen, dreistöckigen Gebäudekomplex, in dessen Mitte ein Innenhof angelegt worden war. Am 4. August 1942 verließ der erste Transport das Lager. Bis zum 31. Juli 1944 folgten 27 weitere, die bis auf wenige Ausnahmen in Auschwitz-Birkenau endeten. Insgesamt wurden aus Belgien 25.124 Juden, darunter 5.430 Kinder, deportiert. Nur 1.207 (weniger als 5 Prozent) von ihnen überlebten die Deportation und kehrten nach dem Krieg zurück. Weiterhin wurden 5.034 in Frankreich "untergetauchte" belgische Juden verhaftet und über das Lager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert. Nur 317 von ihnen überlebten.

Nach der Besetzung Belgiens durch die Nationalsozialisten begann auch dort die Ausgrenzung und Verfolgung der Sinti und Roma. Ab Dezember 1941 wurde eine "Zigeunerkarte" mit Foto und Fingerabdruck für alle nicht sesshaften Angehörigen der Minderheit eingeführt. Im Juli 1943 begann in Belgien schließlich die Umsetzung des vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler am 16. Dezember 1942 angeordneten Auschwitz-Erlasses. Unter Nutzung der Daten aus der belgischen Fremdenkartei begann die deutsche Feldgendarmerie mit der Verhaftung von Sinti und Roma.

Zunächst wurden 166 Sinti und Roma in verschiedenen belgischen Städten verhaftet und in Gefängnissen interniert. Ihnen folgten 182 weitere Sinti und Roma aus Nord-Frankreich, wohin die meisten von ihnen aus Belgien im Mai 1940 geflohen waren. Einige Tage später erfolgte die Verhaftung einer kleinen Gruppe von weiteren 11 Angehörigen der Minderheit. Alle Inhaftierten wurden Anfang Dezember 1943 in die Dossin-Kaserne nach Mechelen gebracht. Von den eingelieferten Sinti und Roma besaßen nur 43 die belgische Nationalität. Die Übrigen waren Franzosen und Spanier - einige wenige waren staatenlos.

Die Inhaftierten mussten bei der Ankunft in der Kaserne alle Besitztümer abliefern und wurden in drei isolierten Räumen unter primitivsten Umständen - ohne sanitäre Einrichtungen und auf Stroh schlafend - eingesperrt. Eine Kontaktaufnahme mit der Außenwelt und mit den jüdischen Häftlingen wurde ihnen streng verboten. Nur zwei Stunden täglich erlaubte man ihnen, die Hafträume unter strenger Bewachung zu verlassen.

Am 15. Januar 1944 wurde in der Dossin-Kaserne ein mit dem Buchstaben "Z" gekennzeichneter Sammeltransport  zusammengestellt. Neben 662 Juden mussten 351 Sinti und Roma (80 Männer, 101 Frauen und 170 Kinder) die bereitstehenden Viehwaggons besteigen. Im Unterschied zu den jüdischen Deportierten durften sie keinerlei Gepäck mitnehmen. Am 18. Januar 1944 erreichte der Zug das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bei der Ankunft wurden 419 Juden unmittelbar in den Gaskammern ermordet. Die Sinti und Roma wurden in das so genannte "Zigeunerlager" gebracht. Dort starben die meisten von ihnen an Krankheiten, Hunger, Entbehrungen und in den Gaskammern. Von den aus Belgien deportierten Sinti und Roma erlebten nur fünf Männer und acht Frauen das Kriegsende.

Das Lager Mechelen war administrativ dem "Auffanglager Breendonk" zugeordnet, dessen SS-Kommandant Philip Schmitt für die Leitung beider Lager zuständig war. Die Wachmannschaft setzte sich - mit Ausnahmen einiger Flamen - aus deutschem Personal zusammen. In der Nacht vom 3. auf den 4. September 1944 zogen die Wachmannschaften des Sammellagers angesichts der näherrückenden alliierten Truppen ab und ließen über eintausend jüdische Häftlinge zurück. Etwa 500 bis 600 von ihnen flohen anschließend aus der Kaserne. Am 5. September trafen kanadische und englische Einheiten in Mechelen ein.


Linkhinweise

Jüdisches Deportations- und Widerstandsmuseum http://www.cicb.be

Gedenkstätten in BeNeLux http://www.gedenken-in-benelux.de


Literatur

Chagoll, Lydia: "Zigeuners". Sinti en Roma onder het hakenkruis, Berchem 2008.

De geheimzinnige Kazerne Dossin te Mechelen. Deportatiekamp der Joden, Antwerpen 1944.

Didaktischer Leitfaden für einen Besuch des Jüdischen Deportations- und Widerstandsmuseums, Mechelen o.J.

Pflock, Andreas: Jüdisches Deportations- und Widerstandsmuseum Mechelen, in: Ders.: Auf vergessenen Spuren, Bonn 2006.

Stille Rebellen. Der Überfall auf den 20. Deportationszug nach Auschwitz, Berlin 2002.

Wartesaal von Auschwitz: Das Lager Mechelen (Malines), in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrsg.): Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940-1945, S. 39-48, Berlin 2004.