Adresse des Gedenkortes
99427 Weimar-Buchenwald
Bundesrepublik Deutschland
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Weimar, Gedenkstätte Buchenwald

Ein Mahnmal erinnert an die Sinti und Roma im ehemaligen KZ Buchenwald.

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Gedenksteine

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Einweihung

08.04.1995


Inschrift

"Zum Gedenken an die Sinti und Roma, die Opfer des NS-Völkermordes wurden" (in Deutsch, Englisch und Romanes)


Initiator(en)

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma; Gedenkstätte Buchenwald


Künstler

Daniel Plaas ist gelernter Steinmetz und Steinbildhauer. Nachdem er 1990 von der Stadt Ahlen den ersten Platz für den Entwurf eines Brunnens erhalten hatte, entschloss er sich, als freier Künstler zu arbeiten. Bei der Ausschreibung zum jüdischen Mahnmal erhielt sein Entwurf den 4. Platz. Er verbrachte insgesamt fünf Wochen in der Gedenkstätte Buchenwald, um das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma auf einer 8 m breiten und 50 m langen Fläche zu errichten. Bei den Bauarbeiten wurde er von Soldaten des 1. Panzerbataillons 393 unterstützt.


Beschreibung

Auf der Grundfläche des ehemaligen Blocks 14 sind etwa hundert sechseckige Stelen aus dunklem Basalt unregelmäßig verteilt. Im westlichen Teil des Areals stehen sie dicht gedrängt, Richtung Osten löst sich die Formation allmählich auf: Die Stelen scheinen Stein für Stein im ansteigenden Gelände zu versinken. Dazu der Künstler Daniel Plaas: "Die Anordnung der Stelen bringt die Bedrängnis, die Bedrohung zum Ausdruck, der die Menschen ausgeliefert waren. Das immer weitere Versinken symbolisiert die Vernichtung."

Auf 18 der Stelen sind die Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern eingemeißelt, in denen Sinti und Roma ermordet wurden. Der unbehauene, naturbelassene Basaltstein verweist außerdem auf die mörderische Zwangsarbeit im Steinbruch des Konzentrationslagers Buchenwald, der viele Häftlinge zum Opfer fielen.

Der Künstler hat seinen Entwurf bewusst der heutigen Topografie des Lagergeländes angepasst. Das Mahnmal, dessen Stelen maximal 80 cm aus dem Boden herausragen, kann zwar schon von Weitem wahrgenommen werden, es soll jedoch keinesfalls die Weite und Kargheit dieser großen Fläche beeinträchtigen oder gar dominieren. (Die ursprünglich fast vollständig erhaltenen Häftlingsbaracken wurden nach 1952 abgerissen, sodass heute nur die verbliebenen Fundamentreste der Baracken und die dunklen Steinschüttungen, welche deren frühere Standorte markieren, einen Eindruck von der damals bebauten Fläche des Lagers vermitteln.)

Das Mahnmal, das eine Aura von Stille und Schlichtheit umgibt, bildet einen deutlichen Kontrast zu den monströsen Mahnmalen aus der DDR-Zeit. Das brachte auch der Direktor der Stiftung Thüringische Gedenkstätten, Volkhard Knigge, gegenüber der Presse zum Ausdruck: "Dies ist ein Geschichtszeichen, mit dem sich jeder Besucher allein auseinandersetzen muss. Es ist keinesfalls ein Mahnmal für Massenaufmärsche und Massenversammlungen."


Entstehung

Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, 1958 als nationale Mahn- und Gedenkstätte eingeweiht, war das zentrale Nationaldenkmal der DDR. Die Darstellung der Lagergeschichte stand ganz im Zeichen einer Heroisierung des kommunistischen Widerstands, der wiederum von herausragender Bedeutung für die Legitimation der Partei und ihres Herrschaftsanspruchs war. In diesem staatsoffiziellen Antifaschismus-Bild fand der Völkermord an den Sinti und Roma keine Erwähnung; auch die jüdischen Opfer kamen (wie andere Häftlingsgruppen) nur am Rande vor.

Vor diesem Hintergrund empfahl die vom Land Thüringen im September 1991 einberufene Historikerkommission zur Neuorientierung der Gedenkstätte Buchenwald, einen Gedenkort für die jüdischen Opfer des Konzentrationslagers wie auch einen Gedenkort für die in Buchenwald und seinen Außenkommandos ermordeten Sinti und Roma zu errichten.

Nach der Einweihung des jüdischen Mahnmals (an der Stelle des ehemaligen jüdischen Blocks 22) am 9. November 1993 wurde im Sommer des Folgejahres eine Ausschreibung für das den Sinti und Roma gewidmete Mahnmal durchgeführt. Im Vorfeld hatten sich die Gedenkstättenleitung und das Dokumentationszentrum Deutscher Sinti und Roma auf Block 14, einen ehemaligen "Zigeunerblock", als Standort verständigt. In die Ausschreibung wurden ausschließlich jene zehn Künstler einbezogen, deren Entwürfe bei der vorangegangenen Ausschreibung für das jüdische Mahnmal prämiert worden waren. Am 27. September 1994 trat erstmals eine Vergabekommission unter Leitung des Malers und Bildhauers Dierk Engelken (Bundesvorstand des Bundesverbandes Bildender Künstler) zusammen, der auch Vertreter des Heidelberger Dokumentationszentrums angehörten. Die gemeinsame Entscheidung fiel zugunsten eines Entwurfs des Stuttgarter Künstlers Daniel Plaas. Am 21. November 1994 fand die Grundsteinlegung statt, zu diesem Anlass wurde das Modell und das Konzept des künftigen Mahnmals erstmals öffentlich vorgestellt.


Hintergrund

Im Konzentrationslager Buchenwald, das im Juli 1937 eingerichtet wurde, waren nach offiziellen Angaben nahezu 240.000 Menschen inhaftiert, mindestens 50.000 kamen dort ums Leben. Die Wahl des Standorts am Ettersberg bei Weimar mit seinen Lehm- und Tonvorkommen deutet schon darauf hin, dass die Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge bei der Planung des KZ im Vordergrund stand. Insgesamt unterstanden Buchenwald (vor allem gegen Ende des Krieges) 129 Nebenlager, in denen zum Teil auch weibliche Häftlinge eingesetzt wurden.

Bereits in den ersten Transporten im Jahr 1937 befanden sich einzelne Sinti. Als Folge der Massenverhaftungen im Rahmen der "Juniaktion" 1938 trafen Hunderte vorwiegend deutsche Sinti und Roma im Lager ein. Ebenso wie die jüdischen Häftlinge, die vor allem nach der Reichspogromnacht nach Buchenwald kamen, waren Sinti und Roma in besonderer Weise dem Terror der SS – etwa in Form öffentlicher Auspeitschungen – ausgesetzt. Bei einer Zählung im Frühjahr 1939 lebten nur noch etwa 100 Sinti und Roma im Lager. Wie in anderen Konzentrationslagern, so führten Mitarbeiter der "Rassenhygienischen Forschungsstelle" im Zuge der von Himmler verfügten vollständigen Erfassung der Minderheit auch in Buchenwald Untersuchungen an Sinti- und Roma-Häftlingen durch.

Unmittelbar nach Kriegsbeginn, im September 1939, wurden etwa 600 Sinti und Roma aus dem KZ Dachau nach Buchenwald verlegt. Sie stammten aus dem österreichischen Burgenland, wo Himmler im Juni 1939 die Verhaftung von 3.000 Sinti und Roma – davon ein Drittel Frauen – und ihre Einweisung in die Konzentrationslager Dachau und Ravensbrück angeordnet hatte. Bei dieser Aktion gelangte zum ersten Mal eine große Zahl jugendlicher Sinti und Roma in die Konzentrationslager, so auch nach Buchenwald.

Die burgenländischen Sinti und Roma waren dort gesondert in den Blocks 14 und 15 untergebracht. Die mörderische Zwangsarbeit, verbunden mit völlig unzureichender Ernährung, hatte zur Folge, dass jeder Dritte den Winter 1939/40 nicht überlebte. Der politische Häftling Alfred Hönemann, der im Block 14 als "Blockältester" eingesetzt war, erinnert sich: "Viele Zigeuner hatten im Winter 1939/40 ihre Füße, Hände und Ohren erfroren. Sie waren häufig der Witterung in den Außenkommandos ausgesetzt, und die dünne Häftlingskleidung bot ihnen wenig Schutz. Laufend gingen sie in den Häftlingskrankenbau, mussten Wechselbäder nehmen, und vielen wurden die Beine amputiert und andere Glieder abgenommen. Die anderen ausgemergelten Häftlinge fanden nicht die Kraft, ihre Körper in Bewegung zu halten. Ich kann mich noch gut erinnern, im Winter 1939/40 trugen wir fast nach jedem Abendzählappell einige Häftlinge ins Revier. Der Andrang war so groß, dass der größte Teil in kein Bett kam. Die Zigeuner wurden im Wasch- und Klosettraum abgelegt. Dort blieben sie bis zum anderen Morgen liegen. Sie überlebten die Nacht nicht mehr, und die noch am Leben waren, wurden dann durch den 'Würgeengel', Dr. Hans Eisele, von SS-Hauptscharführer Wilhelm oder Dr. Wagner mit einer Spritze Evipan ins Jenseits gespritzt."

1940 verlegte die SS die meisten Sinti- und Roma-Häftlinge, die bis dahin überlebt hatten, in das Konzentrationslager Mauthausen, wo sie in den berüchtigten Steinbrüchen zugrunde gerichtet wurden. Einige der in Buchenwald zurückgebliebenen Sinti- und Roma-Häftlinge wurden für medizinische Experimente missbraucht, etwa für die Fleckfieberversuchsreihe des Lagerarztes Dr. Hoven im Herbst 1942.

Im April 1944 traf erneut ein größerer Transport von Sinti und Roma in Buchenwald ein: etwa 900 Männer, die im "Zigeunerlager" Auschwitz-Birkenau als "arbeitsfähig" selektiert worden waren. Unmittelbar vor dessen "Liquidierung" in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 – als die SS die letzten 2.900 Sinti und Roma, die bis dahin überlebt hatten, in den Gaskammern ermordete – wurden noch einmal 900 Männer nach Buchenwald transportiert.

Die meisten der aus Auschwitz kommenden Sinti und Roma wurden im so genannten Kleinen Lager in den Blocks 57, 61 und 63 untergebracht und dann "zur Vernichtung durch Arbeit" in das Außenlager Mittelbau-Dora verlegt, das ab Oktober 1944 als eigenständiges Konzentrationslager geführt wurde. Hunderte Sinti und Roma wurden dort in den unterirdischen Stollen und anderen Arbeitskommandos zu Tode geschunden. Ein kleinerer Teil der Sinti- und Roma-Transporte aus Auschwitz – schätzungsweise 200 bis 300 Menschen – kam in Buchenwald nach anfänglicher Quarantäne in Block 47. Diese Häftlinge wurden in verschiedene Lagerkommandos eingegliedert. Wahrscheinlich haben sie die Befreiung in Buchenwald nicht mehr miterlebt, sondern wurden vorher, im Zuge der Evakuierung des Lagers, auf die "Todesmärsche" geschickt.

Am 26. September 1944 wurden in Buchenwald etwa 200 zumeist jugendliche Sinti auf einen Vernichtungstransport zurück nach Auschwitz-Birkenau geschickt und wenig später in den Gaskammern ermordet. Eugen Kogon schreibt dazu: "Auch hartgesottenen Männern ging es tief zu Herzen, als die SS im Herbst 1944 Judenkinder und alle Zigeunerjungen plötzlich herausfischte, zusammentrieb und die schreienden, weinenden Kinder, von denen ein Teil um jeden Preis zu ihren Vätern und Häftlingsbeschützern in den einzelnen Kommandos zurückwollte, mit in Anschlag gebrachten Karabinern und Maschinenpistolen umstellte, um sie nach Auschwitz zur Vergasung abzutransportieren."

Die Frauen der Sinti und Roma, die vor der "Liquidierung des Zigeunerlagers" Auschwitz-Birkenau zunächst nach Ravensbrück "überstellt" worden waren, mussten in Außenkommandos des KZ Buchenwald – den berüchtigten Lagern der HASAG-Werke in Leipzig-Taucha, Altenburg und Schlieben – ebenfalls schwerste Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Nach Untersuchungen von Irmgard Seidel befanden sich in Schlieben Mitte August 1944 mindestens 1.000 Sinti- und Roma-Frauen aus Ungarn, Österreich und Deutschland. In zwei Schüben, am 17. und 21. August 1944, wurde das Kommando Schlieben fast vollständig geräumt; die Mehrzahl der Sinti- und Roma-Frauen wurde nach Altenburg gebracht. Von dort ging am 7. September 1944 ein Transport mit 500 von ihnen weiter in das Kommando Leipzig-Taucha. Ein Großteil der weiblichen Häftlinge erlag in den Außenlagern des KZ Buchenwald den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Andere Frauen kamen noch kurz vor Kriegsende auf Evakuierungsmärschen ums Leben oder wurden auf einen der Transporte in das Sterbelager Bergen-Belsen geschickt, wo nur wenige die Befreiung durch die Britische Armee erlebten.


Linkhinweise

Internetseite der Gedenkstätte Buchenwald http://www.buchenwald.de


Literatur

Zur Neuorientierung der Gedenkstätte Buchenwald. Die Empfehlungen der vom Minister für Wissenschaft und Kunst des Landes Thüringen berufenen Historikerkommission. Weimar-Buchenwald 1992

Konzentrationslager Buchenwald 1937 bis 1945: Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung. Herausgegeben von der Gedenkstätte Buchenwald. Göttingen 1999

Die Neukonzeption der Gedenkstätte Buchenwald. Weimar 2001

Irmgard Seidel: Weibliche Häftlinge des KZ Buchenwald in der deutschen Rüstungsindustrie. In: Informationen. Studienkreis: Deutscher Widerstand Nr. 24 (November 2001, 25. Jg.), Seite 16-23 (Teil 1) sowie Nr. 55 (Juli 2002, 27. Jg.), Seite 23-29 (Teil 2)

Endlich, Stefanie/Goldenbogen, Nora/u. a.: Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation, Band II, Bonn 1999, S. 892-903.